Merke wohlauf Geschichtsschreiber,
nimm deinen Verstand zusammen!
Du hast eine schwere Arbeit, wenn du es übernimmst,
den grossen Adler zu schildern, welcher langsam und lange fliegt,
in der Torheit weise, in der Gleichgültigkeit sorgsam,
in Trägheit wild, in Trauer vergnügt,
im Kleinmut starkmütig, den mit angebrannten Flügeln
sich aufschwingenden und im Unglück glücklichen

(Chronik der Mathias von Neuenburg,
Vorspruch zur Schilderung der Regierungszeit Ludwigs der Bayern)

"Er war von schlanker hoher Gestalt, hatte spärliches rotblondes Haar, lebhafte Farben, schien immer zu lächeln, seine Augen waren gross und klar, seine spitze Nase bog sich zum Munde nieder. Seine Wangen waren voll, sein Kinn schlank, sein Hals, der Nacken und die Schultern wohlgebaut, die Arme, Schenkel und Füsse proportioniert. Er war in den Waffen geübt und trat jeder Gefahr kühn entgegen. Aber er überlegte nicht genügend im voraus, änderte rasch seine Entschlüsse und verlor im Unglück leicht den Kopf. Von Manieren war er zum Scherz aufgelegt und leutselig, sein Gang war rasch, auf keinem Sitz, an keinem Platz hielt es ihn lange."
So schilderte 1329/30 der Paduaner Albertino Mussato, ein in der Politik seiner Zeit wohlbewanderter Mann, den Kaiser, der damals bereits die Mitte seines fünften Lebensjahrzehnts überschritten hatte. Mussato war kein Anhänger Ludwigs, er bekannte sich vielmehr offen zu dessen unversöhnlichstem Gegner, dem Papst Johannes XXII. Dennoch wirkt sein Urteil über den Bayern relativ sachlich und ausgewogen. Selbst diejenigen unter den zeitgenössischen Geschichtsschreibern, die für Ludwig Partei nahmen, kamen nicht umhin, eine bestimmte Zwiespältigkeit in der Persönlichkeit dieses Kaisers und vor allem in seiner Politik wenigstens behutsam anzudeuten. Die eingangs zitierte Äusserung des Chronisten Mathias von Neuenburg bringt das besonders gut zum Ausdruck. Das Bild Ludwigs des Bayern wurde also schon bei seinen Zeitgenossen nicht allein durch das Für und Wider der streitenden Parteien, sondern ebenso auch durch das an Widersprüchlichkeiten und abrupten Wendungen reiche politische Handeln des Kaisers selbst geprägt.

Ludwig der Bayer Ludwig von Wittelsbach wurde 1282 geboren. Sein Vater hiess ebenfalls Ludwig (II.) und war Herzog von Oberbayern und Pfalzgraf bei Rhein. Die Mutter des späteren Kaisers, Mathilde, stammte aus dem Hause Habsburg. Ihr Vater, der König Rudolf L, hatte sie 1273 dem Bayernherzog zur Gemahlin gegeben. Über die Kindheit Ludwigs ist kaum etwas bekannt. Noch nicht einmal sein genaues Geburtsdatum wurde zuverlässig überliefert. Eine sorgfältige geistige Ausbildung scheint er nicht genossen zu haben. Jedenfalls weiss die "Chronik von den Herzögen zu Bayern" zu berichten, dass er der lateinischen Sprache nicht mächtig gewesen sei. Aus diesem Mangel wären ihm dann später während seiner Regierung schwere Nachteile erwachsen.
Als der Vater 1294 verstorben war, übernahmen Ludwig und sein älterer Bruder Rudolf zunächst gemeinschaftlich die Regierung der Erblande. Jedoch hatte das Einvernehmen zwischen beiden keinen dauerhaften Bestand. Seit Ende 1308 lagen die Brüder miteinander im Streit. Ludwig verlangte eine Teilung der Herrschaft. In einem Schiedsverfahren wurde seine Forderung erfüllt: Durch einen förmlichen Vertrag wurde 1310 Oberbayern zwischen den Brüdern aufgeteilt, die Rheinpfalz aber sollten sie nach wie vor gemeinsam regieren. Freilich erwies sich bald, dass auch durch diesen Teilungsvertrag der Bruderzwist nicht aus der Welt geschafft war. Im Gegenteil ? die Streitigkeiten nahmen rasch wieder an Schärfe zu und führten schliesslich zu bewaffneten Auseinandersetzungen, in deren Verlauf weite Teile des Herzogtums grausam verwüstet wurden. Mit Entsetzen und Trauer berichten zeitgenössische Geschichtsschreiber von diesem Kampf der Brüder, in dem sich Ludwig offenbar durch besondere Rücksichtslosigkeit hervortat. Als die beiden Rivalen sich durch gegenseitige Verheerungen ihrer Besitzungen genügend mürbe gemacht hatten, kehrten sie schliesslich an den Ausgangspunkt ihres Streites zurück: 1313 vereinbarten sie erneut eine gemeinschaftliche Regierung. Trotz dieses Abkommens dauerten aber Argwohn und Feindschaft zwischen ihnen weiterhin an.
Unmittelbar danach wurde Ludwig in einen neuen und wesentlich gefährlicheren Konflikt hineingezogen. Die Herzöge von Niederbayern, Stephan und Otto, waren 1309 bzw. 1312 unter Hinterlassung noch unmündiger Erben gestorben. Diese Situation versuchte nun Herzog Friedrich der Schöne von Österreich ? ein Enkel König Rudolfs von Habsburg wie Ludwig und einst sogar dessen Jugendfreund ? zu seinen Gunsten auszunutzen: Unter dem Vorwand der Wahrnehmung von Vormundschaftspflichten gegenüber den kleinen Herzogssöhnen ging er auf Gebietserwerbung in Bayern aus. Seinen Absichten trat jedoch Ludwig entschieden entgegen. Bei einer Verhandlung in Landau an der Isar liess sich angeblich der Wittelsbacher im Jähzorn dazu hinreissen, sein Schwert gegen seinen einstigen Freund zu zücken. Jedenfalls kam es zwischen ihm und den Habsburgern zum völligen Bruch. Das aber bedeutete erneut Krieg.
Die Habsburger gedachten ihren Gegner durch einen gleichzeitigen Angriff aus östlicher und aus westlicher Richtung zu überwältigen. Friedrich der Schöne und sein Bruder Leopold sammelten in Schwaben ein Heer, ihre Brüder Albrecht, Heinrich und Otto formierten ihre Streitkräfte im niederbayerisch?österreichischen Grenzgebiet. Während der Bayernherzog Rudolf angesichts der heraufziehenden Gefahr ziemlich untätig blieb, organisierte sein Bruder Ludwig mit Energie und Umsicht die Abwehr des feindlichen Angriffs. Er zog das oberbayerische Aufgebot zusammen und verstärkte es durch fränkischen und schwäbischen Zuzug, den er durch grosszügige Versprechen zu mobilisieren vermochte. Inzwischen war die östliche Angriffsgruppe der Habsburger bereits tief in bayerisches Gebiet eingedrungen. Ihren Kern bildeten österreichische Ritter, die aus Ungarn, Böhmen und auch aus Niederbayern Verstärkung durch Kriegsleute erhielten, welche die Verheissung reicher Beute in grossen Scharen herbeigelockt hatte. Am g. November 1313 gelang es Ludwig, diese zwar zahlenmässig überlegene, aber bunt zusammengewürfelte Streitmacht bei Gammelsdorf unweit von Moosburg am Einfluss der Amper in die Isar zur Schlacht zu stellen und vernichtend zu schlagen. Der wertvolle Tross des feindlichen Heeres und über 35o Gefangene aus vornehmen Familien fielen den Siegern in die Hände. Dieser grosse Erfolg trug Ludwig dem Bayern den Ruf eines tüchtigen Feldherrn ein. Weniger Beifall hingegen fand bei den Zeitgenossen die Tatsache, dass der Wittelsbacher seinen Sieg nicht recht zu nutzen verstand: Er begnügte sich damit, dass die Habsburger ihre territorialen Ambitionen in Bayern nicht weiter verfolgten, liess aber die Gefangenen aus der Gammelsdorfer Schlacht um einen allzu geringen Preis wieder frei. So urteilte die Fürstenfelder "Chronik von den Taten der Fürsten" über ihn: "Er versteht wohl die Fische in sein Netz zu bekommen, nicht aber sie ihrer Schuppen zu berauben; er weiss die Vögel zu fangen, aber er kann sie nicht rupfen."
Bereits im nächsten Jahr standen sich Ludwig und Friedrich der Schöne wiederum als Feinde gegenüber. Diesmal freilich entbrannte der Streit um einen wesentlich höheren Preis ? nämlich um die Herrschaft über das Reich. Am 24. August 1313 war Kaiser Heinrich VII., der erste Herrscher aus dem Hause Luxemburg, in Italien gestorben. Die Habsburger hielten nun die Gelegenheit für gekommen, erneut die Königskrone an sich zu bringen. Ihr Kandidat war Friedrich der Schöne, der als ältester Sohn Albrechts I. schon nach dessen Tod im Jahre 1308 als Thronfolger von ihnen vorgesehen war. Die luxemburgische Partei hingegen, deren einflussreichste Repräsentanten der Erzbischof Balduin von Trier, der Bruder des verstorbenen Kaisers, und der Erzbischof Peter Aspelt von Mainz waren, hätte am liebsten den Sohn Heinrichs VII., den König Johann von Böhmen, zum neuen Oberhaupt des Reiches erhoben. Da die Luxemburger jedoch bald erkennen mussten, dass die Wahl Johanns nicht durchzusetzen war, erkoren sie den Bayernherzog Ludwig zu ihrem Kandidaten. Dieser lehnte die ihm angetragene Kandidatur zwar zunächst unter Hinweis auf seine geringen Machtmittel ab, liess sich dann aber doch umstimmen.
Im Oktober 1314 näherten sich beide Parteien der traditionellen Wahlstätte bei Frankfurt am Main. Ludwigs Anhänger besetzten rasch das eigentliche Wahlfeld auf dem rechten Mainufer, ihre Gegner schlugen ihr Lager Frankfurt gegenüber bei Sachsenhausen auf. Die Stadt selbst hielt nach altem Brauch ihre Tore verschlossen, bis der neue König gewählt sein würde. Die Habsburger legten grosse Eile an den Tag: Am 19. Oktober erfolgte die Wahl Friedrichs. Er erhielt die Stimmen des Erzbischofs von Köln, der Herzöge von Sachsen?Wittenberg und von Kärnten sowie des Pfalzgrafen bei Rhein ? also auch die von Ludwigs Bruder Rudolf. Am Tage danach wurde Ludwig gewählt, für den die Erzbischöfe von Mainz und Trier, der Herzog von Sachsen?Lauenburg, der Markgraf von Brandenburg und der König von Böhmen stimmten. Die Mehrheit der wahlberechtigten Fürsten hatte also für Ludwig votiert, und deshalb öffnete ihm die Stadt Frankfurt nun auch die Tore. Nach dem herkömmlichen Zeremoniell wurde er auf den Altar der Bartholomäuskirche gehoben und so als rechtmässiger neuer König präsentiert. Die Habsburger mussten abziehen.
Doch sogleich begann zwischen den beiden Rivalen ein neuer Wettlauf um die Krönung. Am 25. November wurde Friedrich von dem Erzbischof von Köln in Bonn gekrönt. Aachen, die rechtmässige Krönungsstadt, hatte ihn abgewiesen. Hier empfing am gleichen Tag Ludwig die Königskrone. Allerdings wies auch seine Krönung einen Formfehler auf. Nicht der dazu nach altem Herkommen befugte Kölner Erzbischof, sondern der Kirchenfürst von Mainz vollzog die feierliche Zeremonie.
Zwei Könige standen sich nun in erbitterter Feindschaft im Reich gegenüber. Zwar hatte Ludwigs Königswürde unzweifelhaft die bessere Legitimation, aber die Habsburger waren noch keineswegs gesonnnen, ihre Ansprücheauf den Thron aufzugeben. So mussten denn die Waffen den Streit entscheiden. Über die grösseren Machtmittel verfügten zunächst eindeutig die Parteigänger Friedrichs des Schönen. Es war ein ausserordentliches Glück für Ludwig, dass seine Gegner in dieser kritischen Anfangsphase seines Königtums ihre überlegene Stärke nicht konzentriert gegen ihn zum Einsatz brachten. Vielmehr unternahmen die Habsburger gerade in dieser Zeit den Versuch, das Land der schweizerischen Eidgenossen wieder ihrer Herrschaft zu unterwerfen. Dabei erlitt ihr von Herzog Leopold geführtes Heer in der denkwürdigen Schlacht am Morgarten am 15. November 1315 eine spektakuläre Niederlage.
Im Reich zog sich der Krieg zwischen den beiden Königen unter Verheerung weiter Landstriche lange unentschieden hin. Namentlich Ludwigs Besitzungen wurden so schwer ausgeplündert und verwüstet, dass er zeitweilig sogar daran gedacht haben soll, den Kampf aufzugeben und die Krone niederzulegen. Endlich kam es am 28. September 1322 bei dem Städtchen Mühldorf am Inn zur Entscheidungsschlacht. Wiederum hatten die Habsburger geplant, Ludwig durch einen grossangelegten Zangenangriff zu vernichten. Herzog Leopold stiess von Schwaben her mit seinem Heer vor, Friedrich der Schöne und sein Bruder Heinrich beabsichtigten, vom Salzburger Gebiet aus in Bayern einzufallen. Ludwig jedoch, an dessen Seite der Böhmenkönig Johann und der niederbayerische Herzog Heinrich mit ihren Truppen standen, beschloss, die Vereinigung der beiden Heere seiner Gegner um jeden Preis zu verhindern, und zog deswegen der Streitmacht Friedrichs entgegen. Den Oberbefehl in der Schlacht bei Mühldorf überliess er König Johann, er selbst hielt sich aus dem Kampfgetümmel heraus. Zur Täuschung des Gegners hatte er ausserdem elf Rittern die gleiche Kleidung und Rüstung anlegen lassen, die er selbst trug. Völlig anders handelte der Gegenkönig: In prunkvoller Rüstung stellte er sich selbst in die erste Schlachtreihe.
Die Schlacht begann wenig verheissungsvoll für Ludwig. Zwei Angriffe der böhmischen und bayerischen Ritter auf das feindliche Heer scheiterten unter hohen Verlusten. Um die Mittagszeit glaubte Friedrich der Schöne den Sieg bereits gewonnen zu haben. Ganze Abteilungen der habsburgischen Streitmacht begannen mit dem Plündern. Da leitete am Nachmittag ein dritter Angriff der Böhmen auf den rechten Flügel der Österreicher die Wende ein. In diesem kritischen Moment tauchte eine neue Heeresabteilung auf dem Schlachtfeld auf. Die Österreicher wähnten, dass nun endlich Herzog Leopold zu ihrer Unterstützung eingetroffen sei. Sie wurden grausam enttäuscht ? es war der Burggraf Friedrich von Nürnberg, der jetzt an der Seite Ludwigs mit frischen Kräften auf sie eindrang. Für Friedrich war die Schlacht endgültig verloren. Er selbst, sein Bruder Heinrich und viele ihrer adligen Gefolgsleute mussten sich ergeben. Der gefangene Gegenkönig wurde vor den Sieger geführt. Ludwig begrüsste ihn mit den Worten: "Vetter, es freut uns, Euch hier zu sehen." Friedrich hatte darauf nichts zu entgegnen. Er wurde in die Burg Trausnitz (Oberpfalz) gebracht und dort in sicherem Gewahrsam gehalten, seinen Bruder Heinrich liess König Johann nach Böhmen abführen.
Ludwig schien nach dem Sieg bei Mühldorf weiter vom Glück begünstigt zu sein. Nachdem die askanische Linie der Markgrafen von Brandenburg ausgestorben war, belehnte er 1323 seinen ältesten, damals achtjährigen Sohn Ludwig mit diesem Kurfürstentum. Er selbst, durch den Tod seiner ersten Gemahlin Beatrix, einer schlesischen Herzogstochter, zum Witwer geworden, heiratete 1324 in zweiter Ehe die Tochter des Grafen von Holland, Margarete. Die wittelsbachische Hausmacht vergrösserte sich also beträchtlich. Viele Fürsten des Reiches verfolgten diese Entwicklung mit Missvergnügen, besonders aber Ludwigs bislang wichtigster Bundesgenosse, der König Johann von Böhmen. Dieser hatte sich selbst Hoffnungen auf die Erwerbung von Brandenburg gemacht und begann sich nun von dem Bayern zu distanzieren. Ludwig indes glaubte sich jetzt seiner königlichen Stellung sicher sein zu können. Da brach der Konflikt aus, der seine Regierung bis in ihre letzten Tage überschatten sollte:

Der Streit mit dem Papsttum

Seit 1309 waren die Päpste gezwungen, in Avignon zu residieren. Dort waren sie der Aufsicht der französischen Könige unterworfen, die die Zusammensetzung des Kardinalskollegiums aufs stärkste beeinflussten und die Kurie überhaupt zu einem Instrument ihrer eigenen Politik zu degradieren trachteten. Als Papst amtierte von 1316 bis 1334 Johannes XXII. Er stammte aus Cahors in Südfrankreich, war der Sohn eines reichen Bürgers, hatte eine gründliche juristische Ausbildung genossen und einige Zeit als Kanzler König Roberts von Neapel, eines Verwandten der französischen Königsfamilie, gewirkt. Dessen Einfluss verdankte der damals bereits 72jährige Kardinal und Bischof von Avignon vor allem seine Wahl zum Papst. . Bei der ständigen Erschliessung neuer Einnahmequellen zugunsten der Kurie brachte es Johannes XXII. zu unübertroffener Meisterschaft. Über die Verwendung der mit den bedenkenlosesten Methoden zusammengerafften Einkünfte geben erhalten gebliebene Ausgabenregister zuverlässige Auskunft: 76,4 Prozent der Einnahmen wurden für Kriegszwecke und Beamtengehälter, aber nur 7,16 Prozent für Almosen, Mission und Kirchenbauten verausgabt. Von Beginn seines Pontifikats an verfolgte dieser Papst hochgesteckte machtpolitische Ziele. Er strebte nicht nur danach, die alten Herrschaftsrechte des deutschen Königtums in Italien sich selber anzueignen, sondern auch Deutschland in möglichst enge Abhängigkeit von der Kurie zu bringen, indem er behauptete, deutscher König ? und damit künftiger Kaiser ? könne rechtmässig nur derjenige sein, der die päpstliche Approbation (Zustimmung) seiner Wahl erhalten habe. In der Zeit des Doppelkönigtums in Deutschland hatte sich Johannes XXII. geschickt zurückgehalten. Er erkannte keinen der beiden streitenden Könige an. Als aber Ludwig nach seinem Sieg bei Mühldorf 1323 einen Generalvikar nach Italien entsandte, der dort in seinem Namen die Reichsrechte wahrnehmen und die päpstlichen Herrschaftsansprüche zurückweisen sollte, schlug Johannes XXII. gegen den Wittelsbacher los: Er eröffnete einen förmlichen Prozess gegen den König. Dieser wurde beschuldigt, dass er sich nach einer zwiespältigen und vom Papst nicht bestätigten Wahl den Königstitel beigelegt habe und die Herrschaft über das Reich unrechtmässig ausübe. Ausserdem klagte man Ludwig der Unterstützung von "Ketzern" an, womit die italienischen Widersacher der päpstlichen Machtpolitik gemeint waren. Johannes forderte den König ultimativ dazu auf, innerhalb von drei Monaten die Krone niederzulegen und sich in Avignon zu verantworten.
Ludwig war von diesem rigorosen Vorgehen des Papstes offensichtlich völlig überrascht. Jedoch setzte er sich dagegen sogleich entschieden zur Wehr, indem er im Dezember 1323 und zu Beginn des Jahres 1324 zweimal öffentlich scharf gegen die rechtlich völlig unbegründeten Forderungen Johannes' XXII. protestierte und an ein allgemeines Konzil appellierte. Auf den Papst indes machten diese Proteste keinen Eindruck: Im März 1324 verhängte er den Kirchenbann über den König und bedrohte alle diejenigen mit der gleichen Strafe, die dem Wittelsbacher künftig noch Gehorsam oder gar Beistand leisten würden. Damit war der Bruch zwischen Johannes und Ludwig endgültig vollzogen. Der König versuchte nun, in Deutschland eine starke und möglichst breite Front zur Abwehr der Angriffe seines päpstlichen Widersachers zu mobilisieren. Auf den Bannfluch des Papstes antwortete er am 22. Mai 1324 mit der Appellation von Sachsenhausen. In dieser Erklärung wies er den Approbationsanspruch des Papstes bei der deutschen Königswahl abermals prinzipiell zurück und betonte nachdrücklich, dass die Rechtmässigkeit seines Königtums aus der Wahl durch die Mehrheit der Kurfürsten resultiere. Ausserdem bezeichnete er nun seinerseits Johannes XXII. als einen hartnäckigen Ketzer, der das Reich zerstören wolle, die Sache des Heiligen Landes vernachlässige und frevelhaft die von den Franziskanermönchen verteidigte wahre Lehre von der Armut Christi und der Apostel verdammt habe. Johannes nenne sich also zu Unrecht Papst, und deshalb müsse er als König zur Wahrung seiner Rechte an ein zu berufendes Konzil und an den künftigen rechtmässigen Papst appellieren.
Während Ludwigs Appellation von Sachsenhausen, die die Reichskanzlei umgehend im Reich bekanntmachen liess, einen starken und positiven Widerhall fand, stiess die Gegenmassnahme des Papstes ? er sprach dem Wittelsbacher alle Ansprüche auf den Thron ab und belegte dessen Anhänger mit dem Bann und deren Herrschaftsgebiete mit dem Interdikt ? in breiten Kreisen auf Unwillen und Ablehnung. Besonders die Bürger und Bauern waren des endlosen Streites im Reich müde und verlangten sehnlichst nach Frieden. In ihren Augen aber war der Papst der Friedensstörer. Das bekamen seine Parteigänger und Abgesandten in Deutschland deutlich zu spüren: Von Johannes ernannte Bischöfe wurden am Einzug in ihre Diözese gehindert, Geistliche, die die päpstlichen Anordnungen durchzusetzen versuchten, wurden bedroht, verjagt oder ? wie in Basel und Berlin ? sogar erschlagen. So entstand im Reich eine rasch anwachsende antikuriale Bewegung, die ihre Basis zunächst vor allem in den Städten hatte. Ihre Träger waren jedoch nicht nur Laien, sondern auch Personen geistlichen Standes. Unter diesen spielten die Franziskanermönche eine besonders aktive Rolle. Ihr Orden nämlich war zur gleichen Zeit wie Ludwig in einen schweren Konflikt mit Johannes XXII. geraten. Das Generalkapitel dieser Kongregation hatte 1322 in Perugia als theologische Grundlage des Ordenslebens die Lehre von der absoluten Armut Christi und der Apostel verkündet. Nach der Auffassung der Franziskaner hatten die Begründer der christlichen Kirche weder persönliches noch gemeinschaftliches Eigentum besessen. Für Johannes XXII., den Repräsentanten der reichen und mächtigen Papstkirche, war eine solche Lehre natürlich unannehmbar. Deshalb verdammte er sie 1323 öffentlich als schändliche Ketzerei und liess die Franziskaner, die trotzdem an ihr festhielten, rücksichtslos verfolgen. Viele Verfolgte suchten und fanden nun bei Ludwig, dem Feind des Papstes, Schutz und stellten sich als Propagandisten in den Dienst des Königs. Unter ihnen befanden sich zwei hervorragende und streitbare Gelehrte: der Italiener Marsilius von Padua und der Engländer Wilhelm von Ockham.
Marsilius von Padua war zwar selbst nicht Franziskanermönch, stand der Armutslehre dieses Ordens aber nahe. Den unversöhnlichen Hass des Papstes zog er sich zu, als er 1324 sein wissenschaftliches Hauptwerk, den "Defensor pacis" (Verteidiger des Friedens), der Öffentlichkeit übergab. Dieses Werk ist eine der radikalsten Schriften des späten Mittelalters und enthält bereits keimhaft die viel später gründlicher ausgearbeiteten Auffassungen von der Volkssouveränität und dem Gesellschaftsvertrag. Nach den Vorstellungen des Marsilius beruht der Staat auf dem Willen des Volkes, während die Regenten mit der Ausübung der Herrschaft lediglich beauftragt und daher bei Missbrauch ihres Amtes jederzeit absetzbar sind. Die Kirche fasst Marsilius als Gemeinschaft aller Gläubigen auf und weist ihr ausschliesslich religiöse Aufgaben zu. Wichtigstes Element im Aufbau der Kirche sind die Gemeinden, der Primat des Papstes über die Kirche stammt nicht von Gott, sondern ist historisch entstanden. Die weltliche Herrschaft des Papstes aber ist eine reine Usurpation, die Kirche muss sich vielmehr dem Staat unterordnen. Prinzipiell weist Marsilius auch den päpstlichen Approbationsanspruch bei der deutschen Königswahl zurück und bezeichnet ihn als einen fundamentalen Verstoss gegen die Rechte der Kurfürsten. Wilhelm von Ockham, der bedeutendste Philosoph des 14. Jahrhunderts, hatte als Ordensprovinzial der Franziskaner 1322 an dem Generalkapitel in Perugia teilgenommen, wo der Orden die vom Papst später verdammte Armutslehre beschlossen hatte. Der Ketzerei verdächtigt, wurde er in Avignon inhaftiert, konnte aber entfliehen und sich schliesslich unter den Schutz Ludwigs retten, für den er dann in der Auseinandersetzung mit Johannes XXII. ebenfalls aktiv Partei ergriff ? und zwar in einem ähnlichen Sinne wie Marsilius von Padua.
Keineswegs kamen die geistlichen Anhänger Ludwigs nur aus den Reihen der Mönche ? neben den Franziskanern stellten sich ebenso zahlreiche Benediktiner an seine Seite ?, sondern auch viele Weltgeistliche nahmen für den König und gegen den Papst Stellung. Sie waren unzufrieden mit der Zentralisationspolitik und der unersättlichen Geldgier Johannes' XXII., und ausserdem wirkte auf sie natürlich der starke Druck der weiter anschwellenden antikurialen Opposition. Zeitweilig stand sogar die Mehrheit der deutschen Hochgeistlichkeit Ludwig näher als seinem Widersacher, selbst die Erzbischöfe von Mainz und Trier versagten dem Papst in Avignon in dieser Situation die Gefolgschaft. Sie hatten freilich noch ganz besondere Gründe für ihre Ablehnung der Herrschaftsgelüste Johannes' XXII. In dessen Approbationsanspruch sahen sie eine unerträgliche Schmälerung ihrer Rechte als Kurfürsten. Ludwigs Stellung in Deutschland schien also in der ersten Phase seiner Auseinandersetzung mit dem Papsttum gar nicht ungünstig zu sein. Im Hintergrunde jedoch bahnten sich neue schwere Gefahren für ihn an ? und diese gingen vor allem von den mächtigsten Fürsten des Reiches aus. König Johann von Böhmen, enttäuscht in seinen Hoffnungen auf die Erwerbung der Markgrafschaft Brandenburg, verbündete sich mit Frankreich und schloss 1324 mit den Habsburgern Frieden. Deren wichtigster Repräsentant, Herzog Leopold, näherte sich ebenfalls dem französischen König Karl IV. an und versprach diesem schliesslich sogar, ihn bei der Erwerbung der deutschen Königskrone zu unterstützen. Die Gefahr einer tödlichen Umklammerung Ludwigs durch ein grosses Bündnis zwischen Habsburg, Luxemburg, Frankreich und der Kurie begann sich deutlich abzuzeichnen.
Angesichts der bedrohlichen Entwicklung entschloss sich der Wittelsbacher dazu, einen Ausgleich mit den Habsburgern zu suchen und dadurch die Front seiner Gegner aufzusprengen. Als günstigsten Weg zu diesem Ziel sah er ein Übereinkommen mit dem gefangenen Gegenkönig an. Entsprechende Verhandlungen führten im März 1325 zu dem Vertrag von Trausnitz: Friedrich der Schöne sollte gegen Verzicht auf die Krone seine Freiheit zurückerhalten. Ausserdem wurde er verpflichtet, alles in habsburgischem Besitz befindliche Reichsgut herauszugeben und Ludwig gegen jeden Feind ? auch den Papst zu unterstützen. Im Falle der Nichterfüllung des Vertrages hatte Friedrich in die Gefangenschaft zurückzukehren gelobt. Da die Brüder des Gegenkönigs dieses für die Habsburger so ungünstige Abkommen um keinen Preis akzeptieren wollten, schlossen Ludwig und Friedrich im September 1325 in München einen neuen Vertrag miteinander ab, der so merkwürdig war, dass man zeitweilig ernsthaft an der Echtheit dieses Dokuments gezweifelt hat. Die Vertragspartner vereinbarten nämlich, von nun an als gleichberechtigte Könige gemeinschaftlich die Herrschaft über das Reich auszuüben.
Der Münchner Vertrag erregte allenthalben Verblüffung, Entrüstung und Ablehnung. Das Reich hatte nun zwei Könige, und tatsächlich hat Friedrich der Schöne bis zu seinem Tod im Jahre 1330 den Königstitel geführt. Ludwig hat dieses seltsame Abkommen zweifellos für einen guten politischen Schachzug gehalten ? um die Habsburger vollends mit dem Papst zu entzweien, bot er Herzog Leopold sogar das Amt des Reichsvikars für Italien an ?, aber im Grunde rückte er dadurch nur die Legitimität seiner eigenen Königswürde in ein höchst bedenkliches Licht. Anstatt unter Ausnutzung der breiten antikurialen Bewegung beharrlich für die Stabilisierung seiner Position in Deutschland zu wirken, fasste Ludwig ausgerechnet in dieser kritischen Situation die Wiederaufnahme der traditionellen Italienpolitik der mittelalterlichen deutschen Herrscher ins Auge. Durch den Gewinn der Herrschaft über Italien und die Erwerbung der Kaiserkrone hoffte er seine Gegner entscheidend schlagen zu können.
1327 betrat der Wittelsbacher den Boden Italiens. Hier schien ihm ein rascher Erfolg beschieden: Die immer noch starke kaisertreue Ghibellinenpartei, deren Zentren Mailand, Verona und Lucca waren, schloss sich ihm an, und auch die mit dem Papst verfeindeten italienischen Franziskaner unterstützten ihn tatkräftig. So konnte sich Ludwig schon zu Pfingsten 1327 in Mailand mit der Lombardenkrone krönen lassen und bald danach auch Pisa in seine Gewalt bringen. Sein mächtigster Feind in Italien war König Robert von Neapel. Er versperrte Ludwig den weiteren Vormarsch nach Rom und wurde dafür mit der Reichsacht belegt. Ausserdem verbündete sich der Wittelsbacher mit einem starken Gegner des Herrschers von Neapel, mit König Friedrich III. von Sizilien. Aber weder die unwirksame Reichsacht noch das schon gewichtigere Bündnis mit Sizilien öffneten Ludwig schliesslich den Weg nach Rom, sondern eine machtvolle Erhebung der Bevölkerung dieser Stadt.
Die Bürger waren über die Verlegung des Sitzes der Kurie nach Avignon sehr erbittert, weil das Wirtschaftsleben ihrer Stadt dadurch schwere Einbussen erlitt. Vergebens hatten sie immer wieder die Rückkehr des Papstes in seine angestammte Residenz gefordert. Das Erscheinen Ludwigs in Italien gab ihren Hoffnungen nun neuen Auftrieb. Geführt von Sciarra Colonna, einem Angehörigen des römischen Adels, schritten sie zur Tat und verjagten die Anhänger Johannes' XXII. und Roberts von Neapel aus der Stadt. Die Aufständischen bildeten eine neue Stadtregierung, die von vier Stadtsyndici geleitet wurde. In das Amt des Stadtpräfekten beriefen sie Sciarra Colonna. Die römische Volksversammlung beschloss, Ludwig nach Rom einzuladen und ihm für ein Jahr die Signorie über die Stadt zu übertragen. Am 7. Januar 1328 hielt der Wittelsbacher seinen feierlichen Einzug in Rom. Zehn Tage später wurde er dort in einem bis dahin völlig unüblichen Verfahren zum Kaiser gekrönt: Die Salbung nahm der Bischof von Arezzo vor, die Krönung aber vollzog Sciarra Colonna als Repräsentant des römischen Volkes. Dieser Vorgang entsprach ganz den staatsrechtlichen Vorstellungen des Marsilius von Padua, der selbst bei dieser Zeremonie zugegen war.
Ebenso ungewöhnlich war es, dass Ludwig drei Monate später in Rom ein öffentliches Gerichtsverfahren gegen Johannes XXII. durchführte. In einer Volksversammlung vor der Peterskirche liess er die Verurteilung und Absetzung seines Feindes verkünden. Unmittelbar danach erliess er ein Gesetz, das den Päpsten die Verpflichtung auferlegte, ihre Residenz in Rom niemals für längere Zeit zu verlassen. Schliesslich durchbrach er alle bisher geltenden Normen der Papstwahl, indem er am 12. Mai 1328 gemeinsam mit dem römischen Volk den Franziskaner Petrus von Corvaro zum neuen Oberhaupt der katholischen Kirche deklarierte, der sich nun als Papst Nikolaus V. nannte. Ludwigs Hoffnung, durch dieses radikale Vorgehen seine Gegner endgültig matt gesetzt zu haben, erwies sich jedoch als eine Illusion. Johannes XXII. hatte am französischen Königtum nach wie vor einen festen Rückhalt, die meisten anderen Länder und sogar die Mehrheit der deutschen Hochgeistlichkeit betrachteten ihn weiterhin als den rechtmässigen Papst. Deshalb antwortete er auf das Vorgehen des Wittelsbachers erneut in der schärfsten Form: Er erkannte weder die Mailänder Königskrönung noch die Kaiserkrönung Ludwigs an, erklärte diesen abermals für abgesetzt und bannte alle seine Anhänger. Es war gefährlich für den Kaiser, dass die Agitation seines Feindes auch in Italien um so wirksamer wurde, je länger und je dringender er auf die finanzielle Unterstützung durch seine italienischen Anhänger angewiesen war. Allmählich nämlich begannen die Bürger der italienischen Städte, und besonders die von Rom, über die ständigen Geldforderungen des Wittelsbachers zu murren. Als nun auch noch der König von Neapel mit überlegenen Streitkräften zum Angriff überging, musste Ludwig im August 1328 Rom räumen und sich nach Oberitalien zurückziehen. Hier konnte er sich zwar noch zwei Jahre halten, aber 1330 war er gezwungen, Italien zu verlassen und nach Bayern zurückzukehren. Sein Gegenpapst Nikolaus V. dankte ab und unterwarf sich reumütig Johannes XXII.
Ludwig war zu dieser Zeit offensichtlich völlig deprimiert. Er setzte sich über sein eigenes Absetzungs? und Verdammungsurteil gegen Johannes XXII. hinweg und versuchte in der demütigsten Weise mit diesem zu einem Ausgleich zu gelangen. 1333 war er sogar dazu bereit, zugunsten seines Vetters Heinrich von Niederbayern auf den Thron zu verzichten, um nur vom Bann gelöst zu werden. Der Papst jedoch lehnte jede Versöhnung schroff ab. 1334 aber schöpfte der Kaiser neue Hoffnung: Johannes XXII. war gestorben, und der neue Papst Benedikt XII. ?wiederum ein Franzose ? zeigte sich anfangs einer Verständigung nicht abgeneigt. Unter dem Druck des französischen Königs und infolge raffinierter Intrigen, die Johann von Böhmen an der Kurie spann, zerschlugen sich jedoch die Verhandlungen. 1337 schwenkte Benedikt voll auf den Kurs seines Vorgängers ein. Dennoch eröffneten sich im gleichen Jahr für Ludwig völlig neue Aussichten: Es begann der Hundertjährige Krieg zwischen Frankreich und England, der längste Krieg der mittelalterlichen Geschichte. Der Kaiser sah nun die Möglichkeit, seine politische Isolierung zu durchbrechen und die stärkste Stütze des Papsttums, König Philipp VI. von Frankreich, unter massiven Druck zu setzen. Deshalb verbündete er sich mit dem englischen König Eduard III. und sagte diesem gegen die Zahlung von 300 000 Gulden militärischen Beistand zu. Gleichzeitig rief er zur Befreiung der Kurie aus der französischen Gefangenschaft auf.
Dieser Aufruf gab der antikurialen Bewegung in Deutschland einen neuen kräftigen Impuls. Wiederum waren es neben den Franziskanern vor allem die Städtebürger, die sich entschieden auf die Seite des Kaisers stellten und einen starken Druck auf die unentschlossene hohe Geistlichkeit ausübten. Angesichts dieser Entwicklung sahen sich zahlreiche Bischöfe genötigt, entweder für Ludwig einzutreten oder doch wenigstens Vermittlungsversuche zu unternehmen. Im März 1338 kamen in Speyer zehn Bischöfe zusammen, um einen Ausgleichsvorschlag zu verabschieden. Jedoch wurde auch dieser vom Papst verworfen. Zum Mai 1338 berief Ludwig eine Versammlung nach Frankfurt am Main, auf der auch zahlreiche Städte vertreten waren. Hier erliess er das Gesetz "Fidem catholicam", das stark von den Vorstellungen seiner Anhänger aus dem Franziskanerorden geprägt war. Es stellte fest, dass das Kaisertum unmittelbar von Gott stamme, der Papst in weltlichen Angelegenheiten keine Obergewalt habe. Deshalb seien die von der Kurie gegen Ludwig geführten Prozesse ebenso wie die aus ihnen resultierenden Urteile und Strafandrohungen nichtig. Ausdrücklich wurde die weitere Befolgung des Interdikts verboten. Auf Wunsch des Kaisers richteten ausserdem die Reichsstädte an den Papst den dringenden Appell, die Urteile gegen das Reichsoberhaupt aufzuheben und mit ihm Frieden zu schliessen. Nun endlich mussten sich auch die Kurfürsten zu Wort melden, wenn sie nicht Gefahr laufen wollten, dass die politische Entwicklung im Reich einfach über sie hinwegging. Am 15. Juli 1338 kamen sie ? mit Ausnahme des Böhmenkönigs, der den Beschlüssen aber nachträglich beitrat ? zu Oberlahnstein zusammen und stellten sich zur Verteidigung ihrer kurfürstlichen Rechte auf die Seite des Kaisers. Am folgenden Tag bildeten sie zu Rhens am Rhein, unweit von Koblenz, einen Kurverein. Sie verpflichteten sich feierlich, Ehre, Freiheit, Rechte und Gewohnheiten des Reiches gegen jedermann zu schützen. Vor allem hatten sie dabei ihre eigenen kurfürstlichen Vorrechte im Auge, denn sie vermieden es sorgfältig, den Namen Ludwigs oder Benedikts zu nennen, erklärten aber immerhin, dass der von den Kurfürsten einhellig oder mit Mehrheit gewählte König rechtmässiger Herrscher sei und keiner päpstlichen Approbation bedürfe. Nur die Kaiserkrönung solle dem Papst vorbehalten bleiben. Der Einmischung des Papsttums in die Königswahl in Deutschland wurde hier also eine prinzipielle Absage erteilt ? und das war im Augenblick auch für den Wittelsbacher von allergrösstem Gewicht. Um das Eisen zu schmieden, solange es glühend war, berief Ludwig zum August 1338 einen Reichstag nach Frankfurt, zu dem er auch die Vertreter der Reichsstädte entbot. Hier verkündete er das berühmte Reichsgesetz "Licet iuris". Dieses Gesetz bekräftigte nicht nur die Grundgedanken des Weistums der Kurfürsten von Rhens, sondern erweiterte sie um bedeutungsvolle Zusätze. Es deklarierte nämlich die Identität königlicher und kaiserlicher Rechte des deutschen Herrschers sowie die Unabhängigkeit des Kaisertums vom Papst. War ein deutscher König durch die Kurfürstenmehrheit gewählt worden, so sollte er sogleich auch über die volle kaiserliche Gewalt verfügen.
Zwar gelang es Ludwig nicht, auch die Kurfürsten dauerhaft auf dieses Reichsgesetz festzulegen, aber im Sommer 1338 verfügte er in Deutschland tatsächlich über eine beachtliche Autorität, die er ? das sei nochmals betont ? vor allem der grossen antikurialen Bewegung im Volk zu verdanken hatte. Es war für zeitgenössische wie spätere Geschichtsschreiber schier unbegreiflich, dass Ludwig in wenigen Jahren alle Chancen für die weitere Stabilisierung seiner Position im Reich verlor. Die Serie seiner verhängnisvollen politischen Fehlentscheidungen begann 1339: Gerade als auf französischem Boden der Kampf zwischen England und Frankreich entbrannt war, sagte sich der Kaiser von seinem Bündnis mit Eduard III. los und begann sich Philipp VI. anzunähern. 1341 schloss er sogar einen Vertrag mit dem französischen König, und zwar in der Hoffnung, dieser werde nun Frieden zwischen ihm und der Kurie stiften. Rasch wurde er aber aus seinen Illusionen herausgerissen. Benedikt XII. und auch sein Nachfolger Clemens VI. dachten nicht an Einlenken. Ebenso schwerwiegend waren die Missgriffe, die Ludwig in der Verfolgung seiner Hausmachtpolitik unterliefen. Nachdem er 1340 Niederbayern geerbt hatte, ging er im Süden des Reiches auf weitere Landerwerbung aus, weil sich hier eine besonders günstige Gelegenheit dafür zu bieten schien. Die Erbin der Grafschaft Tirol, Margarete Maultasch, begehrte ihre Scheidung von Johann Heinrich, einem Sohn des Böhmenkönigs Johann. Da die Kirche dieses Verlangen ablehnte, erklärte der Kaiser selbst, der sich auf Gutachten von Marsilius von Padua und Wilhelm von Ockham stützte, die Ehe für nichtig. Und damit nicht genug: 1342 liess er seinen eigenen Sohn Ludwig, den Markgrafen von Brandenburg, die reiche Tiroler Gräfin heiraten. Dieser Vorgang erregte im Reich ungeheures Aufsehen. Der Kaiser zog sich nicht nur den unversöhnlichen Hass der am schwersten von der Affäre betroffenen Luxemburger zu, sondern überall wurde sein Vorgehen mit grossem Missfallen aufgenommen. "Der üble Geruch des Kaisers begann wegen dessen, was er mit Johann, dem Sohn des Böhmenkönigs, vorgenommen hatte, in den Nasen der Fürsten zu stinken und sie sagten, er habe das Reich wegen seiner groben Vergehen verwirkt." So berichtet der Abt Johann von Victring in seinem "Buch gewisser Geschichten", und selbst der dem Wittelsbacher sonst durchaus nicht übelgesonnene Mathias von Neuenburg kommentiert den Skandal mit den bitteren Worten

"O Götzendienst des Geizes, der du so grosse Fürsten zu Fall bringst!"

Den Preis für die Erwerbung Tirols musste der Wittelsbacher umgehend bezahlen. Der Erzbischof Balduin von Trier, der 1314 ebenso wie sein Neffe Johann von Böhmen massgeblich an der Wahl Ludwigs beteiligt gewesen war, machte seinen Frieden mit dem Papst. Clemens VI. stiess sofort nach und eröffnete 1343 einen neuen Prozess gegen den Kaiser. Zu den alten Anklagepunkten kam nun noch der Tiroler Eheskandal hinzu. Ludwig erkannte aber offensichtlich die Grösse der heraufziehenden Gefahr immer noch nicht. Als 1345 Graf Wilhelm IV. von Holland?Hennegau, der Bruder seiner Gemahlin Margarete, im Kampf gegen die Friesen fiel, zog er die Grafschaften Holland, Zeeland und Hennegau sowie Friesland als erledigte Reichslehen ein und übertrug sie seiner Gattin. 1346 holten die Feinde des Kaisers zum entscheidenden Schlag aus. Papst Clemens VI. belegte Ludwig erneut mit dem Bann. In der Bannbulle, die wie ein Hohn auf den Namen des Papstes ("der Milde") wirkt, heisst es u. a.: "Wir flehen die göttliche Allmacht an, dass sie des erwähnten Ludwigs Raserei zuschanden machen, seinen Hochmut zu Boden werfen, ihn durch die Kraft ihres rechten Armes niederstürzen und ihn den Händen seiner Feinde und Verfolger wehrlos übergeben wolle. Sie lasse ihn in ein verborgenes Netz fallen. Sein Eingang und Ausgang sei verflucht. Der Herr schlage ihn mit Narrheit, Blindheit und Raserei, der Himmel verzehre ihn durch seinen Blitz." Verhängnisvoller als diese Verwünschungen war es aber für den Kaiser, dass die Mehrheit der Kurfürsten am 11. Juli 1346 ausgerechnet zu Rhens einen neuen König wählte Karl, den ältesten Sohn König Johanns von Böhmen. Natürlich war der Wittelsbacher nicht bereit, kampflos die Krone preiszugeben. Er baute auf seine Hausmacht, auf die wenigen ihm unter den Fürsten verbliebenen Anhänger und vor allem auch auf die Städte. Jedoch kam es nicht mehr zum Entscheidungskampf zwischen dem nun 65jährigen Kaiser und dem Gegenkönig: Am 11. Oktober 1347 starb Ludwig plötzlich auf der Jagd in der Nähe von München. Ein Schlaganfall hatte seinem Leben ein Ende gemacht. Ludwig der Bayer wurde in der Frauenkirche zu München beigesetzt. Sein Grabmal ziert eine eindrucksvolle Plastik, die den sitzenden Kaiser darstellt. Obwohl dieses Kunstwerk erst im ersten Drittel des 15. Jahrhunderts entstand, erscheint es doch recht wirklichkeitsnah. Jedenfalls zeigt das Antlitz des Dargestellten jene charakteristischen Züge, die schon Mussato in seinem Bericht über das Aussehen Ludwigs hervorgehoben hatte. Wahrscheinlich hat also dem Schöpfer der Plastik ein gutes älteres Bild des Wittelsbachers als Vorlage gedient. Eine zusammenfassende Wertung der Leistung und Bedeutung Ludwigs fällt nicht leicht. Zutiefst widersprüchlich wie die Zeitumstände, in die er hineingestellt wurde, war sein politisches Handeln. Das eingangs mitgeteilte Urteil des Italieners Mussato trifft wohl wesentliche Charakterzüge der Politik und der Persönlichkeit des Herrschers: Der Wittelsbacher war in der Tat kein glänzender Diplomat ? geschweige denn ein Staatsmann von grossem Format. Sein jäher Tod verklärt gewissermassen den Ausgang seiner Regierung, die aber ? und das muss nüchtern festgestellt werden ? nur mit einem Fiasko enden konnte. Gewiss wird man sagen müssen, dass die Ludwig zur Verfügung stehenden Machtmittel denen seiner zahlreichen Gegner, besonders denen der Kurfürsten, von vornherein kaum gewachsen erschienen. Auch sollte man mit dem Vorwurf, er habe die mit der breiten antikurialen Bewegung und den zunehmenden politischen Aktivitäten des Städtebürgertums ihm zuwachsenden Möglichkeiten nicht klar genug erkannt und schon gar nicht konsequent genutzt, behutsam agieren: Er war eben doch hergebrachtem Denken eng verhaftet und deshalb in seinem politischen Handeln in erster Linie auf die Fürsten fixiert ? wie übrigens auch bedeutendere Herrscher vor und nach ihm. Aber selbst innerhalb der ihm gesetzten Grenzen unterliefen ihm schwere politische Fehlentscheidungen, die hauptsächlich, wie das schon Mussato erkannte, aus unzureichender realistischer Voraussicht resultierten. Weitestgehend bestimmt wurde das Bild von der Regierung Ludwigs durch seinen Kampf gegen die ungerechtfertigte Einmischung der Päpste von Avignon in die deutschen Reichsangelegenheiten. In diesem Streit, der letzten grossen Auseinandersetzung zwischen den beiden alten Universalmächten des Mittelalters, bewies er Standhaftigkeit in den prinzipiellen Fragen und begünstigte dadurch das Aufkommen einer neuen Staatsideologie, deren er sich in einzelnen politischen Aktionen bereits bediente. Und hier liegt auch die in die Zukunft weisende Bedeutung Ludwigs des Bayern: Er war nicht allein Wahrer alter Rechte von Kaiser und Reich, sondern hat, zumindest objektiv, auch die Entstehung grundsätzlich neuer Auffassungen vom Wesen des Staates gefördert.

Aus: Deutsche Könige und Kaiser des Mittelalters,
hrsg. V. Evamaria Engel, Eberhard Holtz, Köln, Wien 1989, S. 274-304
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